Mittwoch, 23. November 2011



Merkel im Balanceakt

Merkel versucht es allen Recht zu machen und lotet die Balance aus zwischen der CDU, dem Bund der Vertriebenen und dem europäischen Frieden.

Wenn es um 2 Millionen Wählerstimmen geht, muss auch Merkel daran glauben (woran?), die emotionslos mit guter Miene auf dem Kongress des Bundes der Vertriebenen spricht. Ihre Ansprache ist eine Aneinanderreihung von Zitaten. Das Thema, man merkt es, ist nicht ihr Thema. Seit sich die CDU in den späten 50er Jahren die Partei "Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten" einverleibt hat, sind deren Anhänger eine Stimme, die gehört werden muss.
Oft klingt diese Stimme schrill.

Denn in Polen, wo man seit Jahren eine Revision des deutschen Geschichtsbildes befürchtet, und die Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen und CDU Politikerin Erika Steinbach neben Merkel die meist bekannte deutsche Politikerin ist, und stichwortgebend als „Anwältin des Teufels“ bezeichnet wird, hat man ihr den für sie vorgesehen Platz im Rat der Stiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" nicht gegönnt.
Ja, der ehemalige polnische Außenminister Wladyslaw Bartoszewski, Widerstandskämpfer und Auschwitzgefangener in den Kriegsjahren, wagte einen drastischen Vergleich. Steinbach für den Stiftungsrat zu nominieren, das sei, als ob man einen Antisemiten zu Verhandlungen mit Israel schicken würde. Merkel schwieg.
Dass die Vorsitzende Steinbach keine wirkliche Vertriebene ist, das haben die Polen immer wieder unterstrichen. Sie sei als Kind mit ihrem Vater, der Mitglied der SS war, in die okkupierten Gebiete umgesiedelt worden. Steinbach entgegnet, für sie zähle das Engagement für die Entrechteten.

Nachdem nun alle Entschädigungsansprüche auf Ostgebiete abgewiesen worden sind, hat sich der Bund der Vertriebenen darauf festgelegt, dieses Unrecht als Unrecht zu thematisieren. Das dürfen nur die CDU und Frau Merkel nicht all zu laut tun, denn europäische Konflikte wären damit vorprogrammiert.

Etwa die Hälfte der anwesenden Journalisten sind Polen, die eifrig mitschreiben und immer wieder Anhaltspunkte suchen, warum die rechtskonservativen Kaczynski-Zwillinge vielleicht doch nicht so Unrecht hatten, als sie davor warnten, dass der Fokus in der deutschen Öffentlichkeit von der eigenen Schuld hin zur eigenen Opferrolle wandere.
Merkel versucht, keinen derartigen Akzent zu setzen, aber dennoch so zu klingen, als täte sie es: "An das Leid der Vertriebenen muss erinnert werden, ohne vergangenes Leid zu relativieren", sagt sie.
Merkel ist in der DDR aufgewachsen, wo das Thema Vertreibung tabu war. Man merkt ihre Distanziertheit.

Dann bringt es die Aussage einer kleinen grauhaarigen Frau auf den Punkt, was die Grundfesten des Bundes sind. Als ein CDU- Politiker wiederholt die neuen Bundesländer als Ostdeutschland bezeichnet, steht sie wütend auf und sagt überzeugt:
"Die Rede ist hier immer von Ostdeutschland. Dabei handelt es sich um Mitteldeutschland". Der deutsche Osten, das seien die Gebiete jenseits von Oder und Neiße. "Auch das Wort Heimat wird arg strapaziert. Es gibt für uns nur eine Heimat, und nicht eine alte und eine neue Heimat."
Der Bund der Vertriebenen hat 2 Millionen Mitglieder. Das könnte für Merkel im Herbst entscheidend sein.